Wenn ich an den Tempel denke, dann fallen mir immer sofort zwei wunderwunderbare Erlebnisse ein, die mein Vater im Himmel mir geschenkt hat. Diese und auch andere Erlebnisse haben in der langen Zeit meiner Mitgliedschaft in „Der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, meine Überzeugung für das wahre Evangelium, unerschütterlich werden lassen.
Im August 1987 wurde der Tempel in Frankfurt fertig gestellt und es gab Tage der offenen Tür.
Mein Mann Klaus wollte überraschenderweise mit uns fahren an einem dieser Tage, als ich mit einigen meiner Kinder nach Friedrichsdorf fahren wollte, um den Tempel anzusehen.
Klaus, mein Mann ist als einziger unserer großen Familie kein Mitglied. Er beharrte schon13 Jahre lang, seit er mir nach jahrelangem Kampf die Einwilligung zur Taufe gab, darauf evangelisch zu bleiben. Wenn die Kinder oder ich ihn darauf ansprachen, antwortete er immer sehr barsch: „Wir kommen alle aus Ostpreußen, meine Großeltern waren evangelisch, meine Eltern waren evangelisch und ich bin evangelisch und das bleibe ich auch.“
Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt meines Wissens noch nie eine Versammlung der „Mormonenkirche“ besucht, außer bei einigen Nikolausfeiern in der Kulturhalle unserer Gemeinde.
Unsere acht Kinder mussten auch alle jahrelang für die Einwilligung zur Taufe mit ihrem Vater ringen. Sie fingen damit an, wenn sie acht Jahre alt waren und mit zitternden Händen und Knien, ihm die Einwilligungserklärung zum Unterschreiben zu geben. Wir hatten alle vorher gefastet und gebetet. Der Vater hatte aber auch da seine Prinzipien, die wir zu akzeptieren hatten und von denen er nicht abweichen wollte. Er pflegte zu sagen: „ Du bist noch viel zu jung, um die Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen. Du gehst doch nur jeden Sonntag in die Kirche, weil deine Mutter dich mitnimmt. Das ist doch nicht deine eigene Entscheidung.“ Wenn die Kinder dann nicht aufgaben und immer wieder fragten, hat er es mit ihrem 16ten Lebensjahr erlaubt. Klaus sah im Laufe der Jahre, dass die Kirche einen sehr positiven Einfluss auf unsere Kinder hatte. Ja, er war sogar manchmal richtig stolz auf sie, als die drei älteren zum Beispiel Mitgestalter der Gruppe „WIR“ waren und Auftritte hatten. Schlimm wurde es wieder, als unser ältester Sohn Gerhard auf Mission gehen wollte und unsere älteste Tochter im Tempel (damals Schweiz) heiraten wollte. Beides geschah nur unter seinem Protest.
Und nun wollte er mit uns den neuen Tempel in Frankfurt ansehen.
Wir waren so aufgeregt und ich fing an mir innerlich wieder große Hoffnungen zu machen, wie ich es nun schon so oft getan hatte, nämlich, dass sein Eis brechen und er sich irgendwie der Kirche anschließen würde und sich taufen lassen würde. Ich hatte nie aufgehört, an ihn und die Verheißungen zu glauben, die ich in verschiedenen Segen erhalten hatte.
Voller Eifer versuchte ich wachsam zu sein und alle möglichen Hindernisse, die sich in den Weg stellen könnten, aus zuräumen, damit das Ereignis auch stattfinden konnte. Ich ging mit unserem alten Familienauto in die Werkstatt und ließ Bremsen, Reifen und Motor nachsehen, damit wir ohne Zwischenfälle den weiten Weg nach Frankfurt ohne Gefahr erreichen.
Unsere mittlere Tochter Annette opferte sich, um auf ihre kleinen Geschwister und auf die kranke Susanne aufzupassen, damit wir mit den drei Großen fahren konnten.
Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle und in harmonischer Stimmung. Dann standen wir vor dem wunderschönen Gebäude, einem herrlichen Tempel, mit der Aufschrift:
“ Das Haus des Herrn. Heilig dem Herrn“
Es gab einen netten jungen Bruder, der bereit war uns durch das Gebäude zu führen.
Es war so ein wunderbares Gefühl mit meinem Mann Klaus hier an diesem heiligen Ort zu sein.
Wir beide hatten noch nie einen Tempel von innen gesehen. Ich sehnte mich schon seit vielen Jahren danach, so wie meine Geschwister in der Gemeinde, die Tempelbündnisse schließen zu dürfen. Doch ohne Einwilligung des Ehemannes, wurde es damals noch nicht erlaubt um die Ehe nicht zu gefährden.
Wir nahmen uns bei der Hand und voller Ehrfurcht und Staunen bewunderten wir unter der Führung des jungen Bruders die Schönheit der Räume. Er erklärte uns alles.
Hand in Hand gingen wir ganz langsam die weichen mit dickem Teppich gepolsterten Treppenstufen zum Sieglungsraum nach oben. Wir hielten uns mit der anderen Hand an einem goldenen Geländer fest. Dann standen wir, uns immer noch an den Händen haltend, vor der geöffneten Türe des großen Sieglungsraumes, mit dem prächtigen Altar in der Mitte. Durch die hohe Buntglasscheibe mit Motiven der ersten Vision, trafen blinkenden in hellblau blitzenden Sonnenstrahlen, mit ihren bunten Lichtern auf dem Altar. Uns überkam ein Gefühl der Heiligkeit wir waren beide nicht fähig ein Wort zu sagen. Doch wir sahen uns an. Und ich sagte im Geiste zu ihm: „Hier möchte ich mit Dir hin.“ Er antwortete mir mit seinen Augen: „Ja.“
Diesen Augenblick hätte ich gerne festhalten mögen, doch dann war er vorbei. Wir drehten uns um und sahen ein Bild das ebenso erhaben war. Von oben konnten wir nach unten in den celestialen Raum sehen, durch die geöffnete Türe.
Der mächtige große Kristallleuchter beeindruckte Klaus sehr. Er erkundigte sich nach der Bauweise und der Herkunft.
Dann am Ende der Führung kamen wir in die Küchenräume, in denen die Informationstafeln der Straßenausstellung über die Kirche aufgestellt waren. Klaus sah sich alles interessiert an und auch den Propheten Präsident Benson am Schluss.
Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis für mich, ein Geschenk.
Was Klaus dachte, weiß ich nicht. Mit seiner Taufe war es noch nicht so weit.
Mein zweites Tempelerlebnis hatte ich bei dessen Weihung, einige Tage später. Ein neuer Tempel wird dem Herrn geweiht, er wird ihm übergeben, es ist dann sein Haus. Dazu gibt es einen heiligen rituellen Weihungsgottesdienst, an dem würdige Mitglieder teilnehmen können. Das besondere Weihungsgebet spricht ein Mitglied der ersten Präsidentschaft.
Damit dieses Ereignis in völliger Ruhe und Heiligkeit vor sich geht, wurden die Mitglieder in Gruppen nach Gemeinden in die Innenräume geführt. Unsere Gemeinde Duisburg saß in der Kapelle des Tempels. Frank mein Schwiegersohn und meine älteste Tochter saßen neben mir. Der Raum war bis zum letzten Platz gefüllt, so wie alle anderen Räume auch. Alle waren in weiß gekleidet und jeder verhielt sich ruhig ohne ein Wort zu sprechen. Die Ansprachen und das heilige Weihungsgebet, wurden im Zentrum des Tempels, im sogenannten celestialen Raum gehalten und in alle Räume übertragen.
Ich saß mittig an der Wand unter einem großen Bild, das Christus zeigt, wie er seine Apostel segnet. Ich fühlte mich so wohl und endlich angekommen im Hause des Herrn. Über zehn Jahre hatte ich mich danach gesehnt hier zu sein mit meinen Gemeindegeschwistern. Nun saß ich hier mit ihnen zusammen und konnte ich dem Sprecher lauschen. Da sagte er fast am Schluss seiner Ansprache: „Kommen sie alle oft hier hin, ins Haus des Herrn, hier finden sie Ruhe von der Hektik der Welt, die sie umgibt. Kommen sie immer und immer wieder hier her, sie werden gestärkt an Körper und Geist wieder nach Hause fahren.
Und wenn ihnen aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist zu kommen, habe ich jetzt eine Aufforderung an sie. Berühren sie den Tempel jetzt, bevor sie ihn verlassen. Ich spreche ein Segen über sie aus. Der Tempel wird sie wieder zu sich zurückziehen. Sie werden wieder kommen!“
Diese Worte drangen mir tief ins Herz. Ich weinte vor Traurigkeit. Wie sollte ich zurückehren! Da spürte ich einen Arm um meine Schulter gelegt, ich wurde in den Arm genommen und als ich aufblickte hatte niemand den Arm um mich gelegt.
Ich wusste aber und hatte es auch gespürt. Mir war es als wenn es mein Erlöser selber gewesen wäre. Später sagte mir mein Schwiegersohn Frank, dass er es gewesen wäre, der den Arm um mich gelegt hat. Als er ihn wieder wegnehmen wollte, ging es nicht, als wenn er ganz schwer gewesen wäre.
Wie es auch war, ich fühlte mich in dem Moment sehr getröstet und ich berührte mit all meiner inneren Kraft und voller Glauben die Wand, an der ich saß. Ich sah an dem Bild hoch, auf Jesus Christus und hoffte ganz fest, dass die soeben ausgesprochene Verheißung bei mir eintreffen würde und ich nun endlich zum ersten Mal in den Tempel gehen könnte, um die wichtigen Bündnisse zu schließen.
Einige Zeit nach diesem wunderbaren Ereignis wurde in der Abendmahlsversammlung unserer Gemeinde ein Brief der ersten Präsidentschaft verlesen. Es wurde und mitgeteilt, dass alle auch ohne die schriftliche Einwilligung des Ehepartners, den Tempel besuchen können. Ich war nicht alleine in unserer Gemeinde, die sich riesig freute. Es gab noch einige Schwestern, die auch glücklich waren.
Im Mai 1989 kam der herrliche Tag, an dem ich mit meiner Schwester Annelies und meinen ältesten Kindern in den Tempel ging. Annelies kam dafür extra aus Afrika angereist, wo sie mit ihrem Mann Phillippe und ihren Kindern, in Abidjan lebt, und wo sie zusammen ein großes missionarisches Werk für den Herrn tun.
An mir und vielen anderen erfüllte sich die Verheißung, die bei der Weihung des Tempels ausgesprochen wurde.